Ein Schnittmuster Weste Herren ist für viele der Einstieg in die Herrenschneiderei. Die Weste hat keine Ärmel und keinen Kragen im klassischen Sinn, braucht weniger Stoff als ein Sakko und lässt sich in überschaubarer Zeit fertigstellen. Gleichzeitig vereint sie typische Techniken der Herrenschneiderei: Leistentaschen, saubere Futterverarbeitung, präzise Knopflöcher und eine Passform, die eng am Körper liegt, ohne zu spannen.
In diesem Beitrag lernen Sie die wichtigsten Westenformen kennen, von der klassischen Anzugweste über die Zweireiherweste mit Revers bis zur Trachtenweste mit Stehkragen. Sie erfahren, wie Rücken, Futter und Taschen verarbeitet werden, worauf es bei der Passform ankommt und was bei großen Größen zu beachten ist.
Westenformen im Überblick
Die Herrenweste hat eine lange Geschichte und entsprechend viele Varianten. Für die meisten Anlässe reichen jedoch einige Grundformen, die sich in Verschluss, Ausschnitt und Kragen unterscheiden.
- Einreihige Anzugweste: fünf oder sechs Knöpfe, V-Ausschnitt, Westenspitzen am Saum, Rücken aus Futterstoff. Die Standardweste zum dreiteiligen Anzug.
- Zweireihige Weste: gerader Saum oder flache Spitzen, oft mit Revers, wirkt formeller und kräftiger.
- Weste mit Revers: einreihig oder zweireihig mit kleinem, steigendem oder fallendem Revers. Ein Detail mit Anspruch an die Verarbeitung.
- Smokingweste: tief ausgeschnitten, oft U-förmig, mit drei oder vier Knöpfen, Revers mit Seidenbelag. Heute seltener als der Kummerbund.
- Frackweste: weiß, aus Baumwollpiqué, tief ausgeschnitten, darf unter dem Frack nicht hervorschauen.
- Weste mit Stehkragen und Trachtenweste: hochgeschlossen, oft mit vielen kleinen Knöpfen, Oberstoff auch im Rücken.
Schnittmuster Anzugweste Herren: Aufbau und Details
Ein Schnittmuster Anzugweste Herren besteht im Kern aus zwei Vorderteilen aus Oberstoff, zwei Rückenteilen aus Futterstoff, den Belegen und dem Futter der Vorderteile. Die Vorderteile werden mit einer Einlage verstärkt, damit sie glatt anliegen und die Knopflöcher tragen. Ein Brustabnäher oder ein Taillenabnäher formt die Weste zur Taille hin.
Der Rücken aus Futterstoff ist nicht nur eine Sparmaßnahme. Er ist glatt, damit das Sakko darüber gleitet, und dünn, damit die Weste unter dem Sakko nicht aufträgt. Für den Rücken eignet sich Viskose-Twill oder Westenfutter in Jacquard-Optik. Ein Rückenriegel, also ein verstellbarer Gurt mit Schnalle in Taillenhöhe, ermöglicht die Feinregulierung der Weite.
Die Länge der Anzugweste ist so bemessen, dass sie den Hosenbund überdeckt, auch wenn man die Arme hebt. Zwischen Westensaum und Hose sollte nie Hemd zu sehen sein. Bei Hosen mit tiefer Leibhöhe wird die Weste entsprechend länger.
Profi-Tipp
Der unterste Knopf einer einreihigen Anzugweste bleibt traditionell offen. Viele Westen sind so geschnitten, dass die Spitzen unterhalb des letzten geschlossenen Knopfes leicht auseinanderlaufen.
Leistentaschen, Paspeltaschen und Knopflöcher
Westentaschen sind meist Leistentaschen: Eine schmale, verstärkte Leiste von etwa 1,5 bis 2 cm Höhe wird in einen Einschnitt im Vorderteil eingenäht, dahinter hängt ein Taschenbeutel aus Futter oder Baumwollstoff. Klassisch sind zwei Taschen in Taillenhöhe, manchmal ergänzt durch eine kleine Brusttasche. Alternativ werden Paspeltaschen eingesetzt, bei denen zwei schmale Paspeln die Öffnung einfassen.
Für eine saubere Leistentasche zeichnen Sie die Position exakt an, verstärken die Rückseite mit einem Stück Einlage und nähen die Leiste und den Taschenbeutel in einem Rechteck ein. Der Einschnitt endet mit kleinen Dreiecken an den Ecken, die zur Rückseite umgelegt werden. Erst nach dem Bügeln werden die Enden der Leiste von Hand oder mit der Maschine fixiert.
Die Knopflöcher einer Weste sind sichtbar und sollten sauber gearbeitet sein. Augenknopflöcher wirken traditioneller, gerade Knopflöcher sind bei modernen Westen üblich. Üben Sie auf einem Rest aus Oberstoff mit Einlage, bevor Sie an die fertige Weste gehen.
Zweireihige Weste und Weste mit Revers
Die zweireihige Weste hat eine breite Überlappung mit zwei Knopfreihen, oft in der Anordnung sechs Knöpfe, von denen drei geschlossen werden. Der Saum verläuft meist gerade oder mit flachen Spitzen, die Weste wirkt dadurch geschlossener und kräftiger als ein Einreiher. Weil der Übertritt so breit ist, muss das untere Vorderteil innen mit einem Knopf gesichert werden, damit es nicht verrutscht.
Eine Weste mit Revers verlangt dieselben Techniken wie ein kleines Sakkorevers: Die Umbruchlinie wird mit Formband stabilisiert, das Revers mit dem Beleg verstürzt und so gebügelt, dass die Nahtkante nach innen rollt. Bei der Smokingweste wird das Revers mit demselben Seidenstoff belegt wie das Revers des Smokings. Wer bereits eine einfache Weste genäht hat, findet in der Reversweste einen idealen Übungsschritt zum Sakko.
Schnittmuster Weste Herren mit Stehkragen und Trachtenweste
Ein Schnittmuster Weste Herren mit Stehkragen hat einen schmalen Kragen, der direkt am Hals steht. Diese Form ist weniger formell als die Anzugweste und wird oft ohne Sakko getragen, etwa zu Hemd und Jeans oder zur Lederhose. Da die Weste dann allein getragen wird, ist der Rücken meist ebenfalls aus Oberstoff.
Wer ein Trachtenweste Schnittmuster sucht, findet die typischen Merkmale der alpenländischen Tracht: Stehkragen oder kleiner Reverskragen, eine dichte Knopfreihe mit Hirschhorn-, Silber- oder Zinnknöpfen, Pattentaschen, manchmal Stickerei oder Paspeln in Kontrastfarbe. Typische Stoffe sind Loden, Leinen, Baumwollsamt, Wollfilz und Wildleder.
Bei Trachtenwesten aus Loden oder Filz können Kanten wie beim Walkmantel offen bleiben oder mit einer Paspel eingefasst werden. Samt hat einen Strich, alle Teile müssen in dieselbe Richtung zugeschnitten werden, und Samt wird nur von links über einem Nadelbrett oder einem flauschigen Handtuch gebügelt, damit der Flor nicht platt gedrückt wird.
Passform: woran Sie eine gut sitzende Weste erkennen
Eine Weste liegt enger am Körper als jedes andere Kleidungsstück der Herrengarderobe. Die Mehrweite an der Brust ist gering, meist 6 bis 8 cm gegenüber dem Körpermaß, damit die Weste unter dem Sakko nicht aufträgt. Gleichzeitig darf sie beim Sitzen nicht spannen.
Achten Sie bei der Anprobe auf folgende Punkte:
- Die Vorderkanten liegen flach an, ohne zwischen den Knöpfen zu klaffen.
- Die Armlöcher stehen nicht ab und schneiden nicht ein. Ein abstehendes Armloch vorne deutet auf zu viel Länge in der vorderen Armlochkante.
- Der Halsausschnitt liegt hinten am Hemdkragen an, ohne abzustehen.
- Die Weste bedeckt den Hosenbund vollständig, auch im Sitzen und mit erhobenen Armen.
- Der Rücken wirft keine Querfalten. Überschüssige Weite lässt sich über den Rückenriegel ausgleichen, aber nur in Maßen.
Profi-Tipp
Probieren Sie die Weste immer mit dem Hemd und der Hose an, mit denen Sie sie tragen werden. Die Leibhöhe der Hose bestimmt, wie lang die Weste sein muss.
Schnittmuster Herren Weste große Größen
Wer ein Schnittmuster Herren Weste große Größen sucht, steht vor einer besonderen Herausforderung. Bei einem kräftigen Bauch braucht das Vorderteil in der Mitte mehr Länge als an der Seite, sonst rutscht die Weste vorne nach oben und die Spitzen stehen ab. Man spricht von einer Bauchzugabe: Das Vorderteil wird waagerecht aufgeschnitten und in der vorderen Mitte gespreizt.
Im deutschen Konfektionssystem gibt es neben den Normalgrößen 44 bis 62 die untersetzten Größen 24 bis 31 für kürzere, kräftigere Figuren und die schlanken Größen 90 bis 110 für große, schmale Figuren. Als grobe Orientierung entspricht die Normalgröße etwa dem halben Brustumfang, Größe 52 also rund 104 cm Brust. Die Werte schwanken je nach Hersteller.
Ein Schnitt nach Maß nimmt hier viel Arbeit ab. Bei Minerva geben Sie Ihre Maße bei der Bestellung ein, und das Modell wird darauf gradiert, sodass Brust, Taille und Bauchumfang von Anfang an berücksichtigt sind. Ein kurzes Probemodell aus Nessel bleibt sinnvoll, um die Länge und die Spitzen zu prüfen.
Stoffe, Futter und Stoffverbrauch
Für eine Anzugweste wird der Oberstoff passend zum Anzug gewählt: Kammgarn, Flanell, Tweed, Fischgrat. Für Westen, die allein getragen werden, sind Wollstoffe mit Struktur, Leinen, Baumwollsamt und Cord beliebt. Für festliche Anlässe kommen Seidenbrokat, Jacquard oder Seidenrips infrage.
Der Stoffverbrauch ist gering: Bei 140 bis 150 cm Stoffbreite reichen für die Vorderteile einer Anzugweste meist 60 bis 80 cm Oberstoff. Hinzu kommen Futter für Rücken und Vorderteilfutter, etwa 1 bis 1,2 m, Einlage für die Vorderteile und Taschenbeutelstoff. Bei Westen mit Oberstoff im Rücken verdoppelt sich der Oberstoffbedarf ungefähr.
Westen sind deshalb auch eine gute Gelegenheit, einen Rest von einem Anzugstoff zu verwerten oder einen hochwertigen Stoff auszuprobieren, den man für ein ganzes Sakko nicht kaufen würde.
Häufige Fragen
Ist eine Herrenweste für Anfänger geeignet?
Mit etwas Näherfahrung ja. Eine einreihige Weste ohne Revers mit Futterrücken ist ein guter Einstieg in die Herrenschneiderei. Leistentaschen und Knopflöcher sollten Sie vorher auf einem Rest üben.
Wie viel Stoff brauche ich für eine Anzugweste?
Für die Vorderteile reichen bei 140 bis 150 cm Stoffbreite meist 60 bis 80 cm Oberstoff. Dazu kommen etwa 1 bis 1,2 m Futter für Rücken und Vorderteilfutter.
Warum ist der Rücken einer Weste aus Futterstoff?
Damit das Sakko darüber gleitet und die Weste unter dem Sakko nicht aufträgt. Westen, die ohne Sakko getragen werden, etwa Trachtenwesten, haben dagegen meist einen Rücken aus Oberstoff.
Welchen Stoff nimmt man für eine Trachtenweste?
Traditionell Loden, Leinen, Baumwollsamt, Wollfilz oder Wildleder. Dazu passen Hirschhorn-, Silber- oder Zinnknöpfe und ein Stehkragen.
Wie lang muss eine Herrenweste sein?
Sie muss den Hosenbund vollständig bedecken, auch im Sitzen und mit erhobenen Armen. Zwischen Westensaum und Hose sollte kein Hemd sichtbar sein.
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