Ein Schnittmuster Herren Weste mit Stehkragen ist etwas anderes als die klassische Anzugweste mit V-Ausschnitt. Der Kragen schließt hoch am Hals, die Knopfleiste läuft bis oben durch, und die Weste wird oft als eigenständiges Kleidungsstück getragen, nicht nur unter dem Sakko. Vor allem in Bayern, Österreich und Südtirol gehört sie als Trachtenweste zur Festkleidung, findet aber auch in moderner Form ihren Platz.
Wir konzentrieren uns hier auf die Besonderheiten der Stehkragenweste: Kragenkonstruktion, hochgeschlossene Knopfleiste, Trachtendetails, Stoffe wie Loden und Samt sowie Futter und Passform. Die allgemeinen Grundlagen zur Anzugweste finden Sie in unserem Beitrag zu Herrenwesten.
Was eine Weste mit Stehkragen ausmacht
Die Stehkragenweste hat einen runden, hoch angesetzten Halsausschnitt, auf den ein Stehkragen von 2,5 bis 4 cm Höhe gesetzt wird. Die vordere Mitte schließt mit einer durchgehenden Knopfleiste, meist mit acht bis zwölf kleinen Knöpfen, bei Trachtenwesten oft mit Metall-, Horn- oder Hirschhornknöpfen. Unten endet die Weste gerade oder mit leicht gerundeten Ecken, seltener mit den Spitzen der Anzugweste.
Anders als die Anzugweste, die einen Rücken aus Futterstoff mit Riegel hat, wird die Stehkragenweste häufig ganz aus Oberstoff gefertigt. Sie soll auch ohne Jacke gut aussehen. Je nach Region ist sie ein- oder zweireihig, mit oder ohne kleines Revers am Stehkragen und mit unterschiedlichen Taschenformen.
Den Stehkragen konstruieren und verarbeiten
Der Stehkragen beginnt als Rechteck, dessen Länge der halben Halsausschnittlänge entspricht. Damit er sich an den Hals legt, wird die obere Kante gekürzt: Man schneidet den Streifen mehrfach ein und überlappt die Schnitte an der Oberkante um insgesamt 1 bis 1,5 cm. Dadurch krümmt sich die Unterkante nach oben. Je stärker diese Krümmung, desto enger liegt der Kragen am Hals.
Vorne kann der Kragen rechtwinklig, abgerundet oder leicht schräg auslaufen. Bei Trachtenwesten ist ein abgerundetes Vorderende üblich, das mit der Knopfleiste bündig abschließt. Der Außenkragen wird mit einer mittelfesten Gewebeeinlage verstärkt, bei dicken Lodenstoffen genügt manchmal eine leichte Einlage, weil der Stoff selbst Stand hat.
- 1.Außenkragen mit Einlage bekleben, Nahtzugaben markieren.
- 2.Außen- und Innenkragen an der Oberkante rechts auf rechts nähen, zurückschneiden, wenden.
- 3.Außenkragen an den Halsausschnitt der Weste nähen, Knipse an hinterer Mitte und Schulter treffen.
- 4.Innenkragen von Hand oder knappkantig auf die Naht legen und feststeppen.
- 5.Kragenkante absteppen oder bei Tracht mit einem Paspel oder einer Biese betonen.
Profi-Tipp
Bei dicken Stoffen schneiden Sie den Innenkragen aus einem dünneren Stoff in passender Farbe zu, zum Beispiel Baumwollsatin. So wird der Kragen nicht zu wuchtig und liegt angenehmer am Hals.
Schnittmuster Herren Weste Tracht: typische Details
Ein Schnittmuster Herren Weste Tracht orientiert sich an regionalen Formen. Die bayerische Trachtenweste ist oft einreihig mit Stehkragen und Pattentaschen, alpenländische Varianten haben häufig ein kleines Revers und einen zweireihigen Verschluss. Zur Lederhose wird gerne eine Weste aus Loden, Wollsamt oder Leinen getragen, zur festlichen Tracht eine aus Seidenbrokat oder bestickter Wolle.
Typische Ziermerkmale sind Paspeln in Kontrastfarbe an Kragen und Kanten, Biesen, Stickerei, Leistentaschen mit Riegel und gemusterte Rückenteile. Viele dieser Details lassen sich nachträglich ergänzen, solange der Grundschnitt mit Stehkragen und Knopfleiste stimmt.
Die Länge einer Trachtenweste ist kürzer als bei der Anzugweste: Sie endet meist auf Höhe des Hosenbundes oder knapp darüber, damit sie mit der Lederhose oder der Trachtenhose mit Hosenträgern harmoniert.
Knopfleiste, Knopflöcher und Taschen
Die hochgeschlossene Knopfleiste hat einen Übertritt von 1,5 bis 2 cm, je nach Knopfgröße. Die Faustregel: Übertritt gleich Knopfdurchmesser plus 0,5 cm. Bei kleinen Trachtenknöpfen von 15 mm reichen also 2 cm. Die Knöpfe sitzen eng, im Abstand von 4 bis 6 cm, und der oberste Knopf sitzt am Kragenansatz oder direkt darunter.
Knopflöcher werden bei Wollstoffen als Augenknopflöcher gearbeitet, bei Trachtenwesten auch als Schlaufen aus Kordel oder Leder. Paspelknopflöcher wirken besonders edel, sind bei Loden aber schwierig, weil der dicke Stoff aufträgt.
Bei den Taschen sind Leistentaschen klassisch, bei Tracht auch Pattentaschen oder Taschen mit Klappe und Knopf. Für eine Uhrenkette wird oft eine kleine Brusttasche eingearbeitet und ein Knopfloch in der Mitte für den Kettensteg.
Stoffe: Loden, Wolle, Samt und Leinen
Loden ist der klassische Trachtenstoff: dicht gewalkt, wasserabweisend und formstabil. Für eine Weste reicht ein leichterer Loden von 300 bis 450 g pro Meter. Schwere Mantelloden sind zu steif und machen Kragen und Knopfleiste klobig. Daneben eignen sich Schurwolltuch, Wollflanell, Baumwollsamt, Cord und, für den Sommer, festes Leinen.
Für eine Herrenweste brauchen Sie in der Regel 0,6 bis 0,9 m Oberstoff bei 140 bis 150 cm Breite, wenn der Rücken aus Futter ist. Wird die ganze Weste aus Oberstoff gefertigt, rechnen Sie mit 0,9 bis 1,2 m. Dazu kommen 0,7 bis 1 m Futter, Einlage und die Knöpfe.
- Loden 300 bis 450 g/m: klassisch, wetterfest, ideal für Tracht.
- Wollsamt oder Baumwollsamt: festlich, Strichrichtung beachten.
- Leinen: luftig für den Sommer, knittert aber stärker.
- Seidenbrokat: für festliche Westen, mit fester Einlage verarbeiten.
Futter und Verarbeitungsreihenfolge
Eine Weste wird fast immer komplett gefüttert. Die übliche Methode: Oberstoff-Vorderteile und Futter-Vorderteile werden an Vorderkante, Saum und Armloch rechts auf rechts verstürzt, ebenso die Rückenteile. Anschließend werden Seiten- und Schulternähte geschlossen, wobei man durch eine offen gelassene Stelle in der Seitennaht des Futters wendet. Bei der Stehkragenweste wird der Kragen vor dem Verstürzen an den Halsausschnitt gesetzt.
Ein Rückengurt mit Schnalle ist bei Trachtenwesten seltener als bei Anzugwesten, weil die Weste genauer sitzen soll. Wer Spielraum möchte, kann einen Riegel einarbeiten. Futter aus Viskose oder Baumwollsatin ist angenehm, bei Trachtenwesten wird oft ein gemustertes Futter gewählt.
Passform: woran eine Stehkragenweste gut sitzt
Eine Weste mit Stehkragen sitzt gut, wenn der Kragen rundum gleichmäßig am Hals anliegt, ohne zu drücken oder abzustehen. Steht er hinten ab, ist der Halsausschnitt zu weit oder der Kragen zu gerade. Drückt er vorne, ist die Krümmung zu stark oder der vordere Halsausschnitt zu hoch.
An der Schulter darf die Weste nicht über den Schulterknochen hinausgehen, das Armloch sitzt etwas tiefer und weiter als beim Hemd, damit Hemdärmel und Arm Platz haben. Die Mehrweite an der Brust liegt bei 6 bis 10 cm, wenn die Weste unter einem Sakko getragen werden soll, bei 8 bis 12 cm für eine Weste über einem dickeren Hemd.
Da die Knopfleiste bis oben geht, fällt jede Abweichung an Hals und Brust sofort auf. Ein Maßschnitt hilft hier besonders. Bei Minerva wird die Weste auf Ihre Körpermaße gradiert, Halsausschnitt und Kragen passen also zusammen. Das Begleitheft enthält die Nähhinweise und den Stoffverbrauch.
Profi-Tipp
Probieren Sie die Weste vor dem Annähen des Kragens an und prüfen Sie den Halsausschnitt. Er sollte gleichmäßig um den Hals liegen, ohne zu spannen; der Kragen schließt dann sauber, ohne einzuschnüren.
Häufige Fragen
Welcher Stoff eignet sich für eine Trachtenweste?
Klassisch Loden in 300 bis 450 g pro Meter, dazu Wollsamt, Schurwolltuch oder für den Sommer festes Leinen. Für festliche Trachtenwesten wird auch Seidenbrokat verwendet.
Wie hoch ist ein Stehkragen bei einer Weste?
Meist 2,5 bis 4 cm. Bei Trachtenwesten eher 3 bis 3,5 cm, bei modernen Westen auch niedriger. Ein höherer Kragen braucht eine stärkere Krümmung, damit er am Hals anliegt.
Wie viel Stoff brauche ich für eine Herrenweste?
Mit Futterrücken 0,6 bis 0,9 m Oberstoff bei 140 bis 150 cm Breite, ganz aus Oberstoff 0,9 bis 1,2 m. Futter etwa 0,7 bis 1 m.
Kann ich eine Anzugweste in eine Stehkragenweste umwandeln?
Nur mit Aufwand: Halsausschnitt und vordere Mitte müssen neu konstruiert werden, weil die Anzugweste einen tiefen V-Ausschnitt hat. Einfacher ist ein Schnitt, der von vornherein mit Stehkragen konstruiert ist.
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